Kyoto - Japanreise Teil II

Auf nach Kyoto! Ich fahre mit dem Shinkanzen nach Kyoto, eine alte Kaiserstadt. Tokio ist eine Metropole, ich möchte noch etwas mehr vom ursprünglichen Japan sehen. Der Bahnhof Tokyo ist eine Herausforderung, RIESIG! Ein unterirdisches Labyrinth, gute Chancen sich zu verlaufen. Nicht umsonst stehen an einigen Weggabelungen Guides, die die Menschen mit Fragezeichen im Blick lotsen. Ich bin aber richtig, finde meinen Zug, den richtigen Wagen und den reservierten Sitzplatz. Ich staune – richtig viel Beinfreiheit, verstellbare Sitzlehne und alles bequem. Da kann sich der deutsche ICE was abschneiden. Kyoto ist etwa 400km von Tokio entfernt, man ist mit dem Shinkanzen in etwa 2 Stunden da.  

Tag 1: Ankunft In Kyoto angekommen, regnet es erstmal. Nicht so wild, es gibt eine überdachte Passage im Zentrum, da verschaffe ich mir erstmal einen Überblick und überlege was ich die nächsten Tage in Kyoto anschaue oder unternehme. Im Hotel kann man sich einfach einen Schirm mitnehmen, hervorragend. Ich lande im Nishigi Food Market, berühmt für das Essen, was man dort kaufen kann – nämlich alles. Fisch, dessen Name ich noch nie gehört habe, zubereitete Speisen, die ich noch nie gesehen habe, und natürlich kann man alles probieren. Eine weitere perfekte Gelegenheit, fett zu werden. Das „Problem“ ist, dass alles soooo gut schmeckt. Jedes Gericht, egal was es ist, ist genau auf den Punkt. Die Süßigkeiten sind genauso gut, ganz merkwürdig, weich, aber voll gut. Und was es hier gibt wie nirgendwo anders: Grüner Tee, Matchatee, Süßigkeiten mit grünem Tee, Speisen und Gewürze mit grünem Tee, Grüntee-Nudeln, Fleisch in grüner Tee Soße, … das ganze soll in Uji an Tag 5 noch seinen Höhepunkt finden, aber erstmal hier weiter. 

Ich entscheide mich für ein Ramen Restaurant. Ramen ist ein berühmtes typisches Gericht hier und steht für eine Art Nudelsuppe mit Gemüse und/ oder Fisch oder Fleisch. Die Nudelsorte ist außerdem wählbar und auch wieder besonders. Dazu gibt es einen eisgekühlten Sake im Souvenirglas. Super lecker, und ich bin danach direkt ein wenig betrunken.

Tag 2: Heute hab ich mich für Kyotos Westen entschieden, besuche den Tempel Tenryu-ji (das „ji“ steht für Tempel) und einen buddhistischen Mönch. Zunächst muss ich aber Kyotos Verkehrsnetz verstehen. Es gibt einen Plan, in dem alle Linien eingezeichnet sind: Bus, Ubahn, Straßenbahn, Züge. Für alle gibt es verschiedene Tickets, und man kann zwar ein Tagesticket kaufen, welches dann aber auch nur für bestimmte Linien gilt. Verwirrend ist das, da hilft nur ausprobieren. Im umfassenderen Ticket sind wohl U-Bahn du Busse inkludiert, also entscheide ich mich für dieses. Die Busse fahren wirklich überallhin und die Stationen sind oft nah und gut erreichbar. In der Nähe des Tempels tummeln sich schon Touristen, im Tempel selbst ist auch viel Betrieb. Wie in allen Tempeln heißt es am Eingang erst einmal „Schuhe aus“. Man läuft auf Holzdielen bzw. den typischen japanischen Tatami-Matten (aus Reisstroh). Darauf geht es sich wunderbar. Die Tempelräume sind damit ausgelegt und man ist eingeladen, darauf Platz zu nehmen. Hier würde man sehr gut zur Ruhe kommen – wären da nicht die vielen Leute. Der Tempelgarten ist wunderschön, total friedvoll. Ich lasse mir Zeit, alles auf mich wirken zu lassen. Vieles ist aus Holz, Skulpturen geschnitzt. Man findet hier keinen wahnsinnigen Prunk. Weiter geht’s Richtung Bambuswald, der leider total überlaufen ist. Beste Chance herzukommen wäre morgens 6 Uhr, ein andermal. Ich habe mich für den Besuch eines Tempels angemeldet mit Zen Meditation und treffe meinen Guide – eine sehr nette Japanerin, die mich ab sofort „Maria“ nennt, denn sie hat eine sehr gute Freundin, die „genauso aussieht wie ich“. Wir gehen nochmal zum Bambuswald, wo sie erzählt, dass der Bambus ist wie wir Menschen. Die Pflanzen wachsen im Außen alle einzeln, als Individuen. Was man aber nicht auf den ersten Blick sieht, ist, dass die Wurzeln des Bambus alle miteinander vernetzt sind. Alles ist verbunden. In der Höhe lehnen sich die Pflanzen aneinander und stützen sich gegenseitig, weil einer alleine nicht bestehen kann. Gegenseitiger Support und Schutz, nur so kann der Bambus so hoch wachsen. Damit ist es ein „Wald“ aus lauter einzelnen Pflanzen. 

Wir wandern weiter zu einem kleinen Aussichtspunkt, von welchem wir aus den kleinen Tempel am Berg sehen. Es sieht eher aus wie eine Holzhütte, so schön. Die Wanderung dahin ist also auch mit einem kleinen Anstieg verbunden – kein Problem. Unser Guide fragt jedoch noch mehrmals, ob das auch okay ist und machbar… ja klar, ein Klacks für mich. Zweitbeste Frage ist: Habt ihr auch genug Fotos gemacht? Und innerlich muss ich jedesmal schmunzeln, wenn sie sich versichert, dass wir auch alle wirklich gute Fotos haben. Manchmal wird ein Klischee einfach so bezaubernd offensichtlich, und ich finde das total nett. Ja, ich habe ein Foto. Noch steht die Sonne jedoch hoch am Himmel und ich warte noch etwas auf den Abend, dann ist das Licht weicher und schöner. Am Tempel angekommen dürfen wir die große Glocke anschlagen, die ankündigt, dass ein Wanderer kommt. Diesen Gong hört man vermutlich im ganzen Tal. Der Tempel ist wirklich klein, einfach und doch ein Ort der Ruhe. Ein Hund liegt in der Sonne und schläft, ist wohl ganz lieb, beißt nur manchmal. Der Mönch begrüßt uns und lächelt. So eine Ausstrahlung hab ich noch nie gesehen. Wir dürfen zunächst die Aussicht ins Tal genießen, bevor wir uns einen Platz aussuchen dürfen.

 Der Mönch kann kein englisch, erklärt uns alles auf japanisch und unser Guide übersetzt es. Wir erhalten eine kleine Einführung in den Zen Buddhismus. Er erklärt uns, aus welchen Teilen und Anteilen des Buddhismus seine Kutte besteht, die damit einige Jahrhunderte Buddhismus Geschichte symbolisiert, und aus seinen vielen Anteilen „eins“ wird. Aha, das war wohl auch die erste Lektion zum Leben. Der Zen Meister stellt uns nur ein paar der wichtigsten Gottheiten und Symbole vor. Beispielsweise gibt es den Drachen, der Schützer über alles. Man sagt, in dem Tal, wo wir uns gerade befinden, lebten einst die Drachen. Die Drachen sieht man hier auch an vielen Tempeln als Symbol. Ob man dran glaubt oder nicht, dies sei egal, man ist immer geschützt. Und das finde ich ganz bemerkenswert. In den großen Weltreligionen, wo findet man das da? Da heißt es „wer nicht an unseren Gott glaubt, kommt in die Hölle“, oder ähnlich – und im Buddhismus? Glaub dran oder glaube nicht dran, du bist immer geschützt. Ich finde das sehr friedvoll. Bevor wir unsere Zen Meditation starten, lesen wir laut eine Art Gebet, in einem vorgegebenen Takt. Auf altem japanisch, übersetzt in heutige Schriftzeichen, das alte japanisch beherrscht kaum noch jemand. Der Meister lächelt, nach dem Lesen sind unsere Sorgen vergessen und wir sind „leer“, wir können besser loslassen und sind außerdem geheilt, es hilft, zu vergeben. Also, danach sollten wir alle rausschweben, leicht wie eine Feder. Er lacht, „nur Spaß“. 

Er leitet über und kommt nun zu den wirklichen Gesetzen, Nummer 1: Alles ist Veränderung. Die Veränderung gehört zu allem dazu. Nichts bleibt gleich, kein Moment kommt jemals genau so zurück. Das einzige und bedeutende was wir haben ist der Moment, das Hier und Jetzt. Das Vergangene ist vergangen, und die Zukunft ist noch nicht da. Es macht also keinen Sinn, sich über Vergangenes zu sorgen, denn das können wir sowieso nicht mehr ändern, und sich über die Zukunft zu sorgen, sollte nicht im Vordergrund stehen, denn dann verpassen wir den Moment im Jetzt. Klingt für mich recht vernünftig, logisch, und trotzdem denke ich, das ist einfacher gesagt und gedacht als tatsächlich umgesetzt. Wie oft hängen wir gedanklich noch Situationen nach, oder beschäftigen uns im Moment der Ruhe schon mit Gedanken an die Zukunft, und sei es so etwas einfaches wie „was esse ich heute zum Abendbrot“ oder „was unternehme ich morgen“ oder „welche Termine stehen nächste Woche an?“. Diese Lektion werden wir bei der Teezeremonie später noch vertiefen. Weiter geht’s mit dem Unterricht. Lektion 2: Wir unterscheiden und trennen, etwa „du und ich“, „links und rechts“, „oben und unten“, „grün und blau“, „warm und kalt“ oder „gestern und morgen“. So verstehen wir die Welt. Aber wie beim Bambuswald – alles ist eins. Alles ist verbunden. Darum bringen wir beim Beten oder um unserer Wertschätzung Ausdruck zu verleihen (bspw. wenn man sich in Japan bedankt) beide Hände vor unserer Mitte zusammen. Als Zeichen der Verbundenheit. Lektion 3: Wir sollen uns wieder stärker mit unserem Atem verbinden, und uns stärker auf das Hier und Jetzt fokussieren. Wie oft sind wir mit unseren Gedanken noch in der Vergangenheit, vielleicht bei einer Situation die uns geärgert hat, oder hängen einer schönen Erinnerung nach. Oder wir sind mit unseren Gedanken schon in der Zukunft, gedanklich im nächsten Termin oder fragen uns, was wir zu Abend essen. Und verpassen dabei das wichtigste und wertvollste was wir haben: den jetzigen Moment. Das kann eine Tasse Tee sein. Der Kaffee am Morgen, den wir zu oft unachtsam in Eile trinken, vielleicht sogar schon auf dem Weg ins Büro, das kann ein Gespräch sein oder eine Pause, weil wir auf etwas warten. Den ganzen Tag füllen wir uns auf, sind beschäftigt, hetzen, arbeiten, nehmen viel auf und geben weiter, und auch die kleinste Pause füllen wir mit Ablenkung – da läuft der Fernseher oder wir hängen am Handy. Doch was ist mit uns? Wie oft hären wir in uns hinein um uns zu fragen, wie es uns eigentlich gerade wirklich geht? Nehmen wir uns dazu Zeit? Unser Zen Meister sagt einen wichtigen Satz, der sich mir gut eingeprägt hat:  

Nur ein leeres Gefäß kann gefüllt werden.  

Wir sollen also alles, was uns momentan noch gedanklich umtreibt, rauslassen, bevor wir mit der Meditationsübung beginnen. Man könnte sich beispielsweise Gedanken, die im Kopf herum schwirren, vorher aufschreiben. Dann sind sie nicht vergessen und müssen nicht gemerkt werden. In der Meditation sollen wir uns nur auf unseren Atem konzentrieren, schneller einatmen und langsam und lange ausatmen. Wir zählen, denn so fällt das Fokussieren leichter. Ich merke, wie die Gedanken doch schnell abzuschweifen drohen. Atmen! Zählen… „1, 2, 3, 4, …“ – „mein Rücken schmerzt, heute Abend sollte ich …“ – „mist“ – „1, 2, 3, 4, 5, …“ – „wird frisch draußen, oh, was hat denn da geraschelt?“ – „konzentrier dich“ – „1, 2, 3, …“ und so weiter. Es erfordert einiges an Übung. Nach einer kurzen Pause und Erfahrungsaustausch starten wir eine zweite Runde, diesmal alle mit offenen Augen. Die Gefahr, einzuschlafen, ist geringer, und man soll und darf ja seine Umgebung wahrnehmen. Um uns wachzuhalten, bietet der Zen Meister an, dass wir den „Stock“ erfahren dürfen. Damit wird 2x auf jede Seite des Rückens geschlagen. Er erklärt, dass gerade in den Meditationsübungen am Nachmittag schon mal Mönche einschlafen und da bis zu 3 Stöcke zu Bruch gehen. Ich schaue mir das Holz an und denke „au weia, das ist aber dick und sehr stabil!“. Wir bekommen die „light“-Variante, ich bitte jedoch auch einmal um diesen Wachrüttler. Es tat nicht weh, sondern richtig gut. Danach gibt es zur kleinen Stärkung eine Teezeremonie – mit typischem japanischem Gebäck und Matchatee. Wir bereiten ihn selbst zu, nachdem wir gezeigt bekamen, wie das geht. Mein Matcha schäumt, alles richtig gemacht. Das Leeren der Teetasse darf mit lautem Schlürfen geschehen, so zeigt man dem Gastgeber, dass es geschmeckt hat und die Tasse nun leer ist. Der Zen Meister fasst zusammen, dass wir nie wieder die selbe Tasse Tee trinken, nie wieder den gleichen Tee, nie wieder mit den Menschen hier, so wie jetzt gerade. Der Moment ist das, was zählt. Und vielleicht sollte man die Tasse Kaffee am Morgen ähnlich genießen und wertschätzen, die 5 Minuten Stille und „bei sich selbst sein“, denke ich. Beschwingt und mit vielen Eindrücken und Ideen im Kopf geht es dann den Berg hinab und in den Feierabend, jetzt darf ich mich ja mit der Frage beschäftigen, wo ich heute Abend esse. Ich spaziere durchs Zentrum und kann mich in den engen Straßen, wo es Restaurant neben Restaurant gibt, nicht entscheiden. Morgen mache ich das anders, nehme ich mir vor, da wähle ich das Lokal vorher aus. 

Tag 3:

Am dritten Tag geht es mit den Fahrrädern und einem Guide zu den Tempeln und Schreinen im Osten von Kyoto. Die Gruppe ist bunt gemischt, aus der ganzen Welt, aber schon beim Hallo-Sagen denke ich, das wird heute lustig. Der Guide spricht super gut englisch, was in Japan eine echte Seltenheit ist. (die Verständigung mit Händen und Füßen gelingt aber immer) Er fragt mich sofort, ob ich aus Deutschland bin. „Ah, ja, der Name klingt nach Deutschland“. Wir fahren am Fluss entlang zum ersten Schrein. Unterwegs hält Michael, der Guide, immer mal wieder an, um sich zu versichern, dass wir alle mitkommen, dass die Fahrräder gut eingestellt sind, dass wir das mit dem Schalten auch gut hinkriegen. 3 Gänge, was soll da schon schief gehen? Wenn er zu schnell ist oder wir anhalten wollen, sollen wir einfach „stop stop“ sagen. „Stop stop“. Okay? Ja, okay. Also, „ruft dann einfach „Stop stop!“ und ich halte an“. Ja, verstanden. „einfach „stop stop““. Einer der Gruppe fragt, ob das nun also das Passwort ist. Genau. Und wenn wir 3x stop sagen? Nein, das funktioniert nicht, das geht nicht, 3x ist zu viel! Also „stop stop“ genau zwei mal, das ist dann perfekt. Einmal ist zu wenig. Ich glaube, das können wir uns merken. 

Wir stellen die Fahrräder ab, anschließen ist nicht notwendig, wir können unsere Sachen und Helme einfach im Fahrradkorb lassen. Wir alle wundern uns, das nimmt dann niemand weg? Nein, das klaut hier keiner. Michael, unser Guide, erklärt uns auch wieso. Erstens glauben die Japaner an Karma, alles Gute kehrt zu einem zurück, das Schlechte aber auch. Und dieses Thema der „Verbundenheit“ eben. Wir fragen nach der Religion der Japaner, die meisten sind wohl nicht religiös, in dem Sinne, wie wir das kennen. Der Buddhismus ist weit verbreitet, aber total undogmatisch. Ursprünglich war der Shintoismus verbreitet, was in den heutigen „Glauben“ stark mit einfließt. Man sieht in allem, was uns umgibt, das Göttliche, es gibt um die 8 Millionen Gottheiten. In jedem Stein, in jedem Blatt, in der Luft, im Wasser, in den Sonnenstrahlen. Das ist auch ein Grund, weshalb man Müll nicht einfach auf den Boden schmeißt – man beschmutzt das Göttliche nicht. Jeder kehrt zudem vor seiner eigenen Haustür, jeden Tag, und säubert den Eingangsbereich. Straßenkehrmaschinen gibt es hier so gut wie nicht. Spannend. Die Geldbörse könnte offen im Fahrradkorb lose liegen, die liegt da auch in Monaten noch. Wir erfahren, dass man sich vor jedem Schrein, bevor man hindurch geht, kurz verbeugt, um den Gott zu ehren. Außerdem geht man niemals genau in der Mitte, denn die Mitte ist den Gottheiten vorbehalten. 

Am Tempel erklärt er uns noch einmal diese Glücksorakel, und ich ziehe zum Spaß noch eins. Hier gibt es diese nur auf japanisch, aber Michael übersetzt es mir. Ich habe diesmal gutes Glück, und worüber ich sehr schmunzeln muss: „Reise in den Osten, ist gut für dich!“, verbunden mit der Glückszahl 19. Das kann kein Zufall sein. („Woher bist du, aus Deutschland?“ „ja“; „sehr gut, sehr gut“). Den Rest des Glücksorakels verrate ich hier aber nicht, bewahre ich mir jedoch gut auf. An einem anderen Tempel erklärt er uns, woher das Wasser in Kyoto kommt, von einem See auf dem Berg, das zweitbeste in ganz Japan. Und ja, das Wasser ist hier wirklich hervorragend, schmeckt super und ist sehr weich, die Haare werden sooo schön und weich, nicht so krisselig wie in Brunei. An einem kleinen Friedhof bekommen wir etwas über die Abschiedszeremonie erzählt. Man glaubt daran, dass die Seele eines Verstorbenen einen Fluss überqueren muss, „auf die andere Seite gelangen“, und auf dieser Überfahrt bekommt man einen neuen Namen. Je länger dieser ist, desto besser. Zur Zeremonie kommt also ein Mönch, der ein Gebet spricht, um die Überfahrt zu erleichtern und dabei einen neuen Namen vergibt, und je mehr die Familie bereit ist zu zahlen, desto länger wird der Name. Wir lachen – und ich erinnere mich, dass man früher den Verstorbenen ja auch Münzen auf die Augen gelegt hat, für den Fährmann. Gar nicht mal so unähnlich. 

Wir fahren weiter zum Philosophenpfad. Der heißt so, weil ihn damals die Mönche tatsächlich zum Philosophieren und Meditieren genutzt haben. Dieser liegt an einem kleinen Bach, der umringt ist mit Kirschbäumen entlang des Pfads. Das muss ein TRAUM sein im April, wenn die Bäume blühen. Michaelzeigt uns ein paar Fotos, der Bach wird im April tatsächlich rosa. Leider ist die Stadt und der Pfad dann jedoch mit Touristen auch völlig überfüllt. An einem kleinen Cafe probieren wir verschiedene japanische Süßigkeiten und Tee. So lecker, wieder mal. Einer der Gruppe erzählt mir, dass man hier in Japan zunimmt, weil man überall essen kann und überall schmeckt es so gut und ist auf den Punkt. Ich lache, genau so ist es! Nach der Woche hier ist wieder Sport angesagt! Beim Blick in den Bach fällt jemandem auf, dass er sein Spiegelbild im Wasser nicht sehen kann. „Ihr wisst was das bedeutet? Ich hätte gern einen langen Namen“. Rückzu halten wir im Viertel der Geishas und erfahren auch hier, dass die Mädels ab dem Alter von 15 Jahren ihre Ausbildung zur Geisha beginnen, welche 5 Jahre dauert. In dieser Zeit sind sie fest an ihr Mutterhaus gebunden, leben dort, haben u.a. Tanzunterricht, dürfen nur 1-2 mal im Jahr ihre Familie besuchen und verdienen kein eigenes Geld. Danach bekommen sie die Aufträge über ihr Mutterhaus zugeteilt (man könnte das fast mit einer Modelagentur vergleichen).

Nach dem Ende unserer Tour besichtige ich auf eigene Faust noch den Kinkaku-ji, ein goldener Tempel, den MUSS man gesehen haben. Wohl, das dachten sich Tausende anderer Leute genau heute auch. Total überrannt, ein Gedränge und Geschiebe. Nicht schön, aber der Tempel IST schön. Ich atme, bewahre die Ruhe, warte ab, und erwische dann doch ein paar gute Gelegenheiten, in Ruhe ein paar Fotos zu machen. Der Tempel spiegelt sich im Wasser. Wirklich schön. Ohne Menschen wäre es eben noch schöner. Ich spaziere dann noch ein wenig durch eine etwas abgelegene Tempelgegend, Tempel, die für Besucher nicht geöffnet sind, dafür ist es hier schön ruhig. Für den Abend habe ich mir – laut Empfehlungen – das beste Sushi Restaurant der Stadt ausgeguckt. Ich bin diesmal nicht zu spät dran und erwische gleich einen Platz am Tresen. Die Tellerchen fahren mir hier an der Nase vorbei, ich kann mir einfach Gerichte vom Band nehmen, oder über ein Tablet auswählen und bestellen. Beides geht, ich kann mich also nach und nach entscheiden. Im Tablet gibt es noch mehr Auswahl. Ich sehe Glasnudeln, die tatsächlich aussehen wie Glas, komplett durchsichtig, ich piekse sie erst vorsichtig an, um sicherzugehen, ob man diese wirklich essen kann oder das nur Deko ist. Ich bin mir nicht sicher. Das Sushi schmeckt hervorragend und der Service ist perfekt. Grünen Tee gibt es einfach so, den Sake im japanischen Trinkgefäß. Richtig schön, ich denke darüber nach ,auch ein Sakeset für zu Hause zu kaufen. 

Tag 4:

 

Der Wecker klingelt um 5 Uhr morgens. Ich möchte zum Fushimi-Inari-Schrein. Noch so ein „Must do“ in Kyoto, sehr berühmt, und tagsüber mit Touristen auch gut gefüllt. Beste Zeit ist wohl morgens, „zum Sonnenaufgang“. Die Sonne geht hier übrigens kurz nach 4 Uhr morgens auf, das ist mir dann doch etwas zu zeitig. Ich staune, wie hoch sie schon am Himmel steht, als ich 6 Uhr schon zum Schrein spaziere. Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt, es sind ein paar wenige andere Menschen hier, die sich dann aber auf dem Weg nach oben gut verteilen. Es gelingen viele Bilder ohne Menschen, und man spürt mehr diese Faszination dieses Schreins: Über 1000 Bögen auf dem Weg zum Gipfel des Bergs Inari. Auch hier müsste man sich eigentlich vor jedem einzelnen verbeugen, bevor man hindurchgeht. Theoretisch. Die Wächter der Schreine gucken mich jedes mal streng an, lassen mich jedoch passieren. Ich wähle einen kleinen Abstecher, den Inari Trail, und hier bin ich wirklich ganz alleine unterwegs. Dafür habe ich dann nochmal mehr Bögen, als ich den Berg wieder herunter gehe. Zu jeder Seite, egal woher man kommt oder wohin man geht, überall spannen sich die Bögen der Schreine, zählen unmöglich! Atemberaubend. 

Nachdem ich gestern den Kinkaku-ji, den goldenen Tempel angeschaut habe, flitze ich heute nochmal zum Ginkaku-ji, den silbernen Tempel. Viel weniger überlaufen, sehr schön. Dieser hat zudem einen wunderschönen Garten. Guckt die Bilder, ich erspare jetzt Details, man kann es sowieso nur schwer beschreiben. Am Abend komme ich durch Zufall noch an einem anderen Tempel vorbei, den ich nicht auf dem Schirm hatte. 600 Yen Eintritt, relativ viel. Ich wollte zunächst nicht hineingehen, aber irgendwas überzeugte mich dann doch. Im Tempel war ich fast die einzige, und konnte die Anlage in Ruhe und mit viel Zeit genießen. Ich saß im japanischen Zen Garten, schaute mir die verschiedenen Buddhas an, es gab eine Fotoausstellung vom Tempel in den verschiedenen Jahreszeiten, und ich sah einen Mönch beten, laut, vor sich hin murmelnd, und eine Klangschale anschlagend. Ich setzte mich dazu und lauschte. Friedlich. 

Tag 5:

Heute geht es zurück nach Tokio, aber vorher möchte ich noch in die Stadt des grünen Tees – Uji. Habe ich vorher schon überall grünen Tee und Matcha gesehen, setzt Uji dem die Krone auf. Hier gibt es sogar Matchabier, was ich aber nicht probiere.  

Nun viel Spaß mit den Fotos :) 

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Kommentare: 6
  • #1

    Jo (Sonntag, 28 Juli 2019 16:49)

    Nach diesem Bericht möchte ich jetzt auch gerne nach Japan!

  • #2

    Ingrid (Montag, 29 Juli 2019 11:58)

    Liebe Sophie,
    du glaubst gar nicht wie ich mich freue, daß du so eine wunderschöne erfüllte Reise machst - einfach ein Traum - genieße die Zeit ��������

  • #3

    Anna-Maria (Montag, 29 Juli 2019 16:11)

    Ein ganz toller ur lebendiger Bericht! Ich kann mir alles gut vorstellen was du erlebt hast in Japan. Vor allem der ZenMeister!!! Wow, das würde ich auch gerne mal erleben da mich das Thema da Achtsamkeit in meinem Alltag als Therapeutin täglich begleitet. Das Japaner so teils so schlecht Englisch können hatte ich nicht gedacht!

  • #4

    rose (Montag, 29 Juli 2019 16:44)

    bin sehr dankbar für deine genauen beschreibungen, für die akzente, die du beim besuch des landes machst und kann deine innere ruhe und ausgeglichenheit sehr gut fühlen, danke dir für die mühe

  • #5

    Micha (Dienstag, 30 Juli 2019 22:05)

    Einfach schön. ;)

  • #6

    Lea (Mittwoch, 31 Juli 2019 12:11)

    Fernweh :)