Die Welt hat Burnout - Corona

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich dazu etwas schreibe, aber viele Fragen erreichen mich, wie denn die Lage hier in Brunei ist, und es hat ja doch einen besonderen Impact auf uns – nicht nur auf das Projekt und das Arbeiten hier, sondern ganz im Allgemeinen. Man macht sich andere Gedanken – anders Gedanken. Selbst, obwohl es in Brunei derzeit sehr glimpflich ist – flacher Verlauf, seit 5 Tagen keine neuen Erkrankten, das lässt hoffen. (Update – gestern gabs dann doch wieder 1 Fall). Doch ist das ein Trugschluss? In den Nachrichten liest man jeden Tag, morgens, mittags, abends, nichts anderes mehr, bzw kaum noch etwas anderes. Die Kurven der Erkrankten gehen doch noch schnell nach oben, verschiedenste Maßnahmen werden ergriffen, es gibt Pro- und Contra-Stimmen. Plötzlich hunderte „Experten“, die sich zu Wort melden, natürlich dürfen die Verschwörungstheorien nicht fehlen. 

Auch in Brunei gibt es Corona, und das hat natürlich auch hier Auswirkungen. Aber es gibt noch keinen kompletten Lockdown, jedoch ist Social Distancing angesagt. Wir haben Maßnahmen als Unternehmen und auch im Kleinen getroffen – innerhalb weniger Tage eine Home Office Policy verabschiedet, einen Schichtplan erstellt, um die Zahl der Kollegen, die gleichzeitig im Büro sind, zu minimieren. Meetings, Treffen und Interviews sind verschoben auf Online-Sessions, was erstaunlich gut funktioniert. Türen bleiben geöffnet, um Kontakte über Türgriffe etc. zu minimieren, Handdesinfektion steht an jedem Eingang. In Brunei wird vor den Supermärkten erst einmal Fieber gemessen, bevor man herein gelassen wird. Für euch getestet: Die Grenze liegt exakt bei 37,5 Grad. Ich bin mal mittags in der Mittagshitze zum Supermarkt (2 Minuten im heißen Auto) und meine Stirn zeigte wohl 37.5 Grad an (Aufregung, Nervosität), nein, ich darf hier leider nicht rein. Ich war absolut sicher, kein Fieber zu haben, in der Regel merke ich das sofort, wenn meine Temperatur steigt. 2 Minuten später wurde erneut gemessen – 37,4 Grad. “Welcome Ma’am.” Und ich durfte passieren. Demgegenüber habe ich am Eingang im Büro schon 34,5 Grad gehabt (was ich auch sehr seltsam finde). Ob diese Maßnahme nun sinnvoll ist, bezweifle ich stark. Doch wenn in Brunei selbst Moscheen geschlossen werden, um Menschen Ansammlungen zu vermeiden, will das schon was heißen. Weiterhin hat man nun auch die Allowances für die Frontliner eingeführt – so lange wie die Krise anhält, legt man zum Monatseinkommen für alles Krankenhauspersonal 400 Brunei Dollar obendrauf. Die Menschen in Brunei spenden viel, vor allem Nahrung und Getränke, aber auch viel Bargeld, damit die Versorgung mit medizinischen Produkten sichergestellt werden kann. Es gibt hier das Prinzip ähnlich wie in Amerika mit dem „einen aufgeschobenen Kaffee“. Besorgt man sich etwas zum Mitnehmen, kann man gleichzeitig auch ein Gericht für das Krankenhaus bestellen – die Lieferung erfolgt jeweils mittags und abends. Ich habe gehört, Pflegepersonal nimmt derzeit zu, weil es so viel Essen gibt – die Schränke und Kühlschränke sind voll :-).  

 

Ich höre viele Berichte aus Deutschland, logisch, und bin natürlich mit traurig, dass man den Frühling gar nicht so richtig genießen kann. Andererseits hoffe ich ganz doll, dass die Maßnahmen etwas bringen. Spazieren gehen darf man ja trotzdem, raus in die Natur. Ich frage mich jedoch, was die Situation auch für Chancen bringt? Manchmal kommt es mir vor, als sagt die Welt „So, jetzt mal alle aufs Zimmer und drüber nachdenken, was ihr falsch gemacht habt.“ – ich sehe Bilder, wie sich Natur scheinbar erholt – und das nur nach wenigen Wochen! Die Luft über China ist wieder sauberer, wie toll ist das denn? In einigen Bereichen oder Firmen hatten Chefs nicht den Glauben daran, dass Home Office funktionieren kann, und werden jetzt gezwungenermaßen eines Besseren belehrt. Ich empfinde das als wenig schlimm, ich gehöre allerdings auch zu denen, die ganz gut allein sein können. Ich merke aber auch nach 2 Wochen pur im Home Office, dass mir der Kontakt fehlt. Menschen zu treffen und persönlich zu reden ist eben doch noch etwas anderes. Der Führungs- und Koordinationsaufwand ist etwas höher. Wir nutzen dennoch viele Videokonferenzen, um in Kontakt zu bleiben, und das tut auch ganz gut. Wie toll ist es, dass wir diese Möglichkeiten heute haben. In Brunei gibt es weniger Hamsterkäufe, gefühlt ist alles recht normal. Andrang war letztes Wochenende, als es das Monatsgehalt gab, doch das ist in Brunei normal. Es gibt Hefe, Milch, Klopapier, Mehl. In Deutschland wird ja trotzdem viel selbst produziert, während Brunei vom Import abhängig ist, und doch erlebe ich die Situation hier scheinbar entspannter. Und ist ein Produkt vergriffen, weicht man eben auf etwas anderes aus. Natürlich geht auch die Unsicherheit und die Anspannung nicht an uns vorbei – das merkt man auf Arbeit deutlich, der Stresslevel steigt, die Situation ist angespannter, kleinere Auseinandersetzungen werden schneller zum Konflikt. Auch wenn Telefonkonferenzen echt anstrengend sind, ist das jetzt umso wichtiger, miteinander zu sprechen. Es gehen einige Informationen verloren, der Flurfunk fehlt. Man bekommt ja doch mehr mit, wenn man zusammen in einem Büro sitzt. Und trotzdem halte ich es für eine tolle Chance, auch in Zukunft mehr über flexibles Arbeiten nachzudenken und eine gute Mischform zu finden. Ist es überholt, dass alle zwischen 7.30 Uhr und 8.00 Uhr im Büro sein müssen? Zeigt sich jetzt, dass Home Office funktionieren kann, selbst bei den Chefs, die dem gegenüber bisher verschlossen waren? Wir sind permanent getrieben, Termindruck, Meilensteine, hetzten von A nach B – und sind nun gezwungen, mal einen Gang zurück zu schalten. Zu Hause zu bleiben. 

Umgekehrt arbeiten viele mehr, sind höherem Druck ausgesetzt („systemkritisch“ nennt man das heute), und ich frage mich, was denn über Händeklatschen hinaus passiert, damit gerade diesen mehr Wertschätzung zuteil wird – langfristig! Jahrelange Debatten um den Pflegenotstand in Deutschland, Krankenhäuser als Wirtschaftsunternehmen, es wird gekürzt, wo es geht – „optimiert“ – Gesundheit, oder besser „Krankheit“ ist ein Milliardengeschäft. Zwingt uns die Situation nun alle dazu, dort mal genauer hinzuschauen? Darüberhinaus ist es ein Weltthema – kein deutsches, kein chinesisches – nun ist gefordert, dass man zusammen arbeitet, statt gegeneinander. Könnten wir nicht viel mehr voneinander lernen? Wie schafft es z Bsp China, innerhalb weniger Tage/ Wochen ein Krankenhaus aus dem Boden zu stampfen, was ein Europa nicht schafft? Warum dauert es so lange, bis man in Europa reagiert hat? „Der Virus in China ist weit weg“ – ja, eben doch nicht! Wir sind alle miteinander verbunden.
We are all connected. Die Welt ist miteinander verbunden. Was in China oder sonstwo passiert, betrifft uns eben doch, anstatt von "Das ist ja weit weg, auf der anderen Seite der Welt."

Worin besteht die Chance? Sich besinnen, Rückzug in die Familie, mehr Zeit für sich selbst und die Liebsten (zumindest teilweise – ich spüre davon in Brunei leider nichts – die Arbeit hält uns alle enorm auf Trab), aber auch zu erkennen, dass nicht mehr alle gut mit „Langeweile“ umgehen können. Es gibt plötzlich ein Zeitfenster, welches man für so vieles nutzen könnte. Ich bearbeite wieder öfter Bilder oder ziehe am Wochenende einfach mal mit der Kamera los – ins Grüne natürlich. Gestern habe ich einen Ausflug mit Vecca gemacht – eine Kollegin, das tat auch mal so gut, mal etwas zu quatschen und Ecken von Brunei zu sehen, an die ich ohne sie nie gekommen wäre – Geheimtipps aus ihrer Kindheit. Ich lese wieder mal ein Buch. Andererseits fällt uns besonders auf, wie wichtig soziale Kontakte und soziale Interaktion sind. Wie schnell das fehlt. Vielleicht können wir so wieder mehr schätzen, was wir aneinander haben, und bei Treffen mehr und öfter im Moment sein – anstatt am Handy. Vielleicht können wir uns nun alle besser in die hineinversetzen, die alleine sind, weil sie niemanden mehr haben – und öfter einen Besuch abstatten. Oder mal zum Telefon greifen. Wir merken auch, wie wichtig eine Umarmung und etwas Nähe sind – genau dann, wenn sie fehlen. Das ist genau das, was über digitale Medien eben doch nicht geht. Sie sind ein Hilfsmittel über Distanz, ersetzen die menschliche Nähe aber nicht.

Wir werden auf gewisse Ängste gestoßen, und ich finde es spannend, und gleichzeitig irritierend, wie Menschen sich in solchen Ausnahmesituationen verhalten. Hamsterkäufe aus Eigenschutz? Aber zeigt sich nicht dadurch, dass logisches Denken im Panikmodus kaum funktioniert? Ich kenne nur Bilder aus Deutschland – okay -, aber dennoch – Klopapier gabs immer und wird’s immer geben, woher der plötzliche Mehrbedarf? Seife ausverkauft, als hätte man sich vorher nie die Hände gewaschen? Ich verstehs nicht. Ja, man möchte als erstes sich und die engste Familie „versorgen“, aber wäre nicht allen mehr geholfen, jeder kriegt etwas ab? Irrational… und ich kann mir vorstellen, dass sich das potenziert – man kommt in den Laden, sieht, oh, Milch ist fast vergriffen, Brot fast alle – na gut, dann deck ich mich mal lieber schnell nochmal ein, bevor es gar nichts mehr gibt. Vergisst dabei aber, dass ja Nachschub kommt. Die Lieferketten funktionieren doch noch. Von außen betrachtet wirkt das irgendwie so surreal.

 

 

 

Wie geht es für mich in Brunei weiter? Nun, die Flughäfen bleiben geschlossen – man möchte diese Maßnahmen erst lockern, wenn es wenigstens 28 Tage keinen neuen Fall in Brunei gegeben hat, plus 3 Wochen Sicherheitszeit. Ein Rückflug im Mai ist damit jetzt schon quasi ausgeschlossen. Ich kann nur abwarten und die Lage beobachten. 
Also beschließe ich, die Wochenenden einfach in Ruhe zu verbringen, gehe öfter wandern/ spazieren, nehme meine Kamera öfter mit, auf der Suche nach dem kleinen Glück, und ziehe ein paar Pflanzen groß. Sonnenblumen zum Beispiel. :) 

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Kommentare: 2
  • #1

    rose krause-schäfer (Sonntag, 26 April 2020 17:50)

    ja, es ist so wichtig inne zu halten und auch die ruhe und die gelassenheit zu zulassen. wir sind gesund und wünschen dir rasch fallende neuerkrankungszahlen...grüße aus der ferne <3

  • #2

    Silke (Sonntag, 17 Mai 2020 08:36)

    Super in Worte gefasst!