Vom Leben und Arbeiten in Brunei, und von Schlangen im Hotel

Was so nebenher passiert – wenn ich mal keine Ausflüge mache.

Ich schreibe heute mal bisschen mehr von Brunei und der brunesischen Kultur. Brunei – mit Grenzen zu Malaysia und Indonesien und umgeben vom tropischen Regenwald ist ein echt kleines Land – innerhalb von 1,5 Autostunden ist man von einer Seite zur anderen – und das ist schon die lange Strecke. Der Kleinstaat auf Borneo hat etwa 450.000 Einwohner, daher ist es auch nicht verwunderlich, dass man sich hier irgendwie kennt.

Das Arbeiten in einer anderen Kultur ist sehr spannend und es gibt viel zu lernen – über die neue Kultur, aber natürlich werden einem da auch die eigenen kulturellen Besonderheiten bewusst, die man nicht wahrnimmt, da sie immer selbstverständlich sind. Dass dem dann doch nicht so ist, fällt erst auf, wenn man mal außerhalb der eigenen Kultur / außerhalb der eigenen „Komfortzone“ unterwegs ist. Und hier beginnt das eigentliche Abenteuer.

Diese Besonderheiten halten den ein oder anderen Fallstrick bereit. 

Beispielsweise wird auf die Übergabe der Visitenkarten hohen Wert gelegt. Es ist darauf zu achten, die Visitenkarten mit beiden (!) Händen entgegen zu nehmen und auch zu übergeben und der Visitenkarte angemessen Aufmerksamkeit zu schenken. Alles andere ist extrem unhöflich und gibt schon beim Kennenlernen Punktabzug. „Relationship Building“, also, erst eine Beziehung aufzubauen, ist absolut empfehlenswert. Die ersten Meetings sollten den Fokus darauf legen. Während man in Deutschland oder auch in der amerikanischen Kultur direkt zum Punkt kommt, stellt man sich hier erstmal vor – am besten mit der gesamten Familie und Erfahrungen. 

 

Ich werde gefragt, ob ich Kinder habe oder verheiratet bin, ob ich Brunei mag, was mir am besten gefällt, wo ich schon gewesen bin. Zudem dienen „Timelines“ und Meilensteine eher als Orientierung denn als harter Termin. Das merken wir und müssen wir in unserer Projektplanung berücksichtigen und entsprechend Puffer einplanen. Das bedeutet auch, die Projektplanung immer wieder anzupassen und die Meilensteine im Auge zu behalten. „Morgen“ ist ja auch noch ein Tag, oder eben nächste Woche. Ich denke, dass eine gute Balance zwischen Planung und Präsenzbewusstsein erfolgversprechend ist und wir Deutschen hier noch was lernen können. Überambitionierte Meilensteine nützen nichts und niemandem. 

Zweite Erkenntnis: Hierarchie ist sehr wichtig. Das haben wir in unserer kulturellen Einweisung gesagt bekommen, was es aber im Alltag und im Arbeiten bedeutet, wird einem erst bewusst, wenn man längere Zeit hier ist. Hierarchie bezieht sich dabei nicht nur auf Titel (gleichwohl Titel enorm wichtig sind!), sondern auch auf das Alter. Wer älter ist, ist automatisch der Senior. Es gibt selbst dafür  bestimmte Anreden / Titel, die vor dem Vornamen genannt werden – in der Email Anrede aber auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Diese Anrede drückt Wertschätzung, Ehre und Respekt aus. „Ich respektiere und würdige dich als der Erfahrene und bitte hiermit untertänigst um deinen Rat“. Das wird nicht nur mit Geschäftspartnern verwendet, sondern auch in unserem kleinen Team, wo wir ja alle eng und vertraut zusammen arbeiten, unter Kollegen – diese Anrede ist ganz normal.  Ob es das in Deutschland nicht gibt? Nein, nicht in dieser Form. Da waren die Kollegen schon erstaunt. Ich erklärte dann, dass wir natürlich Erfahrungen und Expertise schätzen, aber dafür keine gesonderten Anreden haben. Die Altershierarchie bedeutet aber auch, dass ein älterer niemals infrage gestellt wird. Sein Wort gilt, seinem Ratschlag wird gefolgt, es werden keine Fragen dazu gestellt, oder eine andere Meinung geäußert. Selbst in internen Meetings oder Abstimmungen kann das dann zum Problem werden. Dieses „kritische Hinterfragen“ vermisse ich hier sehr oft. Auch neue, vielleicht ungewöhnliche Ideen einzubringen, um mal was neues auszuprobieren – das wird durch dieses Senioritätsprinzip eher blockiert. Meine Aufgabe ist es, hier einen Austausch zu fördern und einen Wertewandel zu begleiten – bei dem das „Alte“ (was ja seine Berechtigung und positiven Werte hat) nicht bekämpft wird, aber etwas „Neues“ auch Einzug halten kann. 

Auch wie wir kommunizieren ist kulturell bedingt – den größten und sichtbarsten Unterschied macht die „direkte“ vs. „indirekte“ Kommunikation aus – es gibt aber viele weitere Unterschiede. Oben habe ich schon erwähnt – wir Europäer kommen relativ schnell zur Sache, der Fokus liegt auf dem Thema. Auch sind wir sehr direkt, besonders wenn wir Feedback geben oder eine Ansicht diskutieren. Zu sagen „ich bin da anderer Meinung als du“ wird teilweise schon als Angriff und Streit verstanden – wobei wir Europäer uns in der fachlichen Diskussion noch wohlfühlen und es nie als Streit erleben würden. Das führt zu Irritationen in Team Meetings. Wie lösen wir das? Nun, ich rege derzeit regelmäßig einen Austausch zu kulturellen Unterschieden an – was sagen wir, was senden wir – und wie wird es beim Empfänger wahrgenommen? Was kommt wie an? Und wie können wir hier die Indiskrepanzen auflösen?  Beispielsweise durch Rückfragen. 
Was ich jedoch auch sehr sehr schön fand und finde, ist das Miteinander und das Gespür, Meilensteine zu feiern und zu würdigen. Essen ist ganz wichtig – möchte man gegenüber Brunesen „Danke“ sagen und Wertschätzung ausdrücken – darf das Essen nicht vergessen werden. 

Ein Kuchen, ein gemeinsames Frühstück oder Mittagessen, ein schön gestalteter Kuchen oder im Team mal paar Kekse verteilen – das ist so wichtig. Das muss man wissen, und dann ist es auch wieder einfach, wenn man es weiß. Ich erlebe die neuen Freitage, an denen wir gemeinsam frühstücken oder einen Geburtstagskuchen teilen, als sehr angenehm und in einer positiven Arbeitsatmosphäre. Diese Zeit des informellen Miteinanders ist keineswegs „vergeudet“ (auch wieder so was typisch deutsches „man muss ja was schaffen“), sondern fürs Team ungemein wichtig und wertvoll.

Als wir das neue Büro bezogen haben, durfte eine Einweihung nicht fehlen. Diese Einweihung fand an einem Freitagnachmittag statt mit zahlreichen Gästen und einem wunderbaren Büfett. Zur Einweihung der Büroräume wurde ein Gebet gesprochen und die Räume gesegnet – eine echte „Einweihung“ also. Ich habe kein Wort verstanden, fand es aber super spannend. Ebenso wichtig ist es, dass in jedem öffentlichen Raum die Bilder des Sultans und seiner Frau hängen – das sieht man in jedem Lokal, aber auch in jede Firma im Eingangsbereich. Das muss man sich mal vorstellen – als würde in Deutschland überall das Bild des Bundespräsidenten hängen. Wirklich „ü-ber-all“ :)

Tiere in Brunei: Ihr ahnt es schon – ist hier bisschen anders als in Deutschland. J Es ist jetzt schon über 1 Jahr her, aber wir hatten im Hotel, wo wir zu Beginn untergebracht waren, Schlangenbesuch. Direkt im Erdgeschoss, neben den Aufzügen. Nicht so eine kleine Blindschleiche, nee, sondern eine schwarze Kobra, hochgiftig!! Wie die gezischt hat und sich immer wieder aufstellte. Die hat sich durch die Schiebetür irgendwie reingeschlichen. Passiert nicht alle Tage, und vermutlich dachten die Angestellten erst, „jaja, die deutschen Touristen, sind sie ein bisschen aufgeregt, wenn sie mal eine Schlange sehen“, und sind dann selbst gesprungen und haben ganz viel Abstand gehalten. Nun musste dieses Tier ja gefangen werden. Spannend, und wirklich nicht ungefährlich. Seitdem schaue ich hinter jede Ecke 2x und mache auch das Licht an. Gerade im Dunkeln – und jetzt nachts im Garten, ist so ein bisschen Beleuchtung nie verkehrt. Die Mücken können nervig sein und mögen mein Blut ganz besonders, jedoch hilft das Hautspray und Räucherwerk.  

Auf den Straßen überqueren manchmal Echsen die Straßen – keine kleinen, sondern echt so Brocken. Wo man in Deutschland eher auf Katzen aufpasst oder eine überfahrene Katze findet, ist das hier dann mal eine Echse/ Waran. Da hab ich schon so manches größeren Echsengetier hier gesehen. Hunde sind keine Haustiere. Denn Hunde gelten im Islam als „unrein“, und deren Haltung ist nur unter ganz bestimmten Umständen gestattet, etwa als Wach- oder Hütehunde, nur außerhalb des Hauses. Der Kontakt macht unrein und kein Engel würde wohl jemals ein Haus betreten oder besuchen, in welchem sich ein Hund aufhält. Katzen sind aber okay.

 

Fische: Fische werden hier ganz frisch gefangen und auf dem Fischmarkt verkauft. Frischeren Fisch kann man gar nicht bekommen. Jose erklärte und auch, woran man es erkennt, ob der Fisch noch frisch ist – „Du siehst es an den Augen“. Ich fragte nach, woran genau. „Ja, wenn sie sich nicht mehr bewegen, ist er nicht mehr frisch“. Der Spaßvogel. Aber tatsächlich – bei einem frischen Fisch sind auch die Augen noch ganz klar. 

Und was man hier überall sieht: Affen! Ein Supermarkt in der Nähe des Walds heißt nicht umsonst „Monkey Supasave“, weil es dort von Affen wimmelt, die auch gern mal auf den Autos rumturnen. Ansonsten trifft man sie am Eingang von Parks und Wanderwegen, oder auch im Wald. Füttern ist verboten, nur leider halten sich nicht alle dran, mit dem Ergebnis, dass die Affen dann erst dadurch aggressiv werden – sie denken, jeder hat was, und gibt man nichts, können sie das schon mal stärker einfordern. Neulich haben wir kleine Affenkinder im Baum gesehen – ein großer ausgewachsener Bursche saß mitten auf dem Weg. Der Pfad war schmal, ich hab mich nicht vorbei getraut – und dann kommt dieses riesige Vieh auch noch direkt auf mich zu und starrt mich an – zugegeben: ich hab da Muffensausen! Das Wegdrehen hat jedoch geholfen, Keith hat den Affen abgelenkt und wir konnten gemeinsam passieren, sind dann schnell weiter gegangen, da die Bande meinte, uns noch bisschen zu verfolgen. Ja, Monkey Supasave – es gibt noch einen anderen Supasave, den man gemeinhin „Crocodile Supasave“ nennt – dieser ist in der Nähe des Flusses gelegen, wo man sehr oft Krokodile schwimmen sieht. Baden verboten. :-)

Im nächsten Artikel schreibe ich dann bisschen mehr über die Fastenzeit und Hari Raya Feste :) Schönes Wochenende!

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Kommentare: 2
  • #1

    Willi (Montag, 06 Juli 2020 22:56)

    Echt spannend und interessant der neue Blog. Schöne Woche dir.

  • #2

    rose (Montag, 20 Juli 2020 18:51)

    eine kobra? ich wäre umgekippt! ansonsten sehr spannend und auch sehr informativ, was du da alles ausführst, vielen dank dafür, liebe miss sophie <3